Aus aktuellem Anlass eine Kritik zur Premiere des Stückes “Endspiel” am Samstag, 23. Januar 2010.
Gespielt wird noch am Mi., 27./Do., 28./Fr., 29. uns Samstag, 30. Januar! (20.30h)
“Endspiel” im KHG Theater
Großer Premierenerfolg vor vollem Haus
Was für ein Mensch war Samuel Beckett?
Diese Frage schießt mir durch den Kopf, als ich an diesem Premierenabend im KHG Theater in Würzburg die junge Truppe Becketts Stück “Endspiel” spielen sehe. Wer schreibt, ersinnt ein solches verstörendes Stück? Urs Jenny schrieb über Beckett nach seinem Tod im “Spiegel” vor fast genau 10 Jahren: “Beckett aber war, was er war: kein Weisheitsverkünder, kein Geheimnistuer, kein Allegoriker, nur ein Beschreiber der Conditio humana, immer genauer, immer knapper seine Zeichen setzend, und restlos frei von Kunst- und Trost-Brimborium.” Keinen Trost nicht einmal Hoffnung bietet Beckett dem Zuschauern in seiner postapokalyptischen Farce, dafür die tiefen Abgründe der menschlichen Seele und die Gewissheit, dass es zu Ende geht. Und, nicht zu glauben: Humor.
Vier Menschen sind aneinander gebunden: Diener und Herr, Vater und Mutter. In einem kargen Raum, einem Keller gleich, vegetieren diese Menschen nach großer Katastrophe und warten auf das Ende der Vorräte und das Ende des Lebens. Das schlüssige Bühnenbild macht aus diesem Raum kein Refugium. Es strahlt den deprimierenden Charme eines Bunkers aus. Im Zentrum des Stückes und des Bühnenraumes steht Hamm, der Herr der nicht sehen und gehen kann. Er ist auf fatale Weise an seinen Diener Clov gefesselt. Hamm hat die Vorräte, die das Leben sichern, kann sie aber nicht erreichen. Clov hat keine Vorräte und macht sich zum Sklaven seines Herrn, um zu überleben. Eine Beziehung bestehend aus Hass. Der eine ist abhängig vom anderen. Auch die Beziehung Hamms zu seinen Eltern, “Erzeuger” wie er sie nennt, besteht aus Hass. Wie ein trotziges Kind kommandiert er Clov herum und zwingt, seine beinlosen in einer Kiste lebenden Eltern seine langweiligen Geschichten zu hören. Verlässt Clov seinen Herrn, so sterben beide: Diener und Herr.
“Etwas nimmt seinen Lauf”, die Welt geht zu ende.
Einen schweren Stoff hat sich die Truppe des KHG Theaters ausgesucht. Es war wirklich eine Herausforderung, und noch mehr: ein Wagnis. Aber nach der Premiere kann man sagen: das Wagnis hat sich gelohnt, die Aufgabe wurde mit Bravour gemeistert. Mit sicherer Hand führt die Regisseurin Anja Maybauer die Protagonisten durch das Stück und präsentiert in Spiel und Bühnenbild, in Maske und Ausstattung eine konzeptionelle Inszenierung. Christian Seidl als Hamm gelingt es, trotz seiner Immobilität, den Raum zu bespielen und dem zum Teil trockenen Text Vitalität einzuhauchen. Wolfram Erben bringt auf verblüffende Weise die Zerrissenheit des Dieners Clovs zwischen dem Gehen und Bleiben, zwischen dem Überleben und Sterben auf die Bühne. Seine Verzweiflung wird fast greifbar. Die Eltern Nagg (Sebastian Eberle) und Nell (Sonja Bruchmüller) erscheinen und verschwinden in ihren Kisten, grotesk und komisch, gehässig und berechnend. Eine hervorragende und homogene Ensembleleistung.
Soviel Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Wo ist das Vergnügen, der versprochene Humor? Er ist kaum zu fassen und ist doch da. Gehen sie hin!
Sebastian Perels, Eschwege, 24.01.2010